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Frauen als politisch Handelnde in der Habsburgermonarchie – Unsichtbares sichtbar machen

von Barbara Haider-Wilson und Waltraud Schütz

Lange Zeit blieben Frauen in der Geschichtsschreibung als politisch Handelnde unsichtbar, zumal sie bis ins frühe 20. Jahrhundert keine politischen Ämter inne haben durften. Die gängigen Erzählungen in der Geschichtsschreibung, die sich meist auf staatliche Strukturen und staatliche Amtsträger konzentrierten, beachteten informelle politische Bereiche nicht ausreichend. Die Auswirkungen dieser Erzählungen sind bis heute spürbar.

Wie verhält es sich mit den Frauen und der Politik in der historischen Breite betrachtet? Dieses Forschungsfeld hat sich eröffnet, indem in den letzten Jahrzehnten ein weiterer Politikbegriff über die institutionelle Ebene, den Staat und seine Amtsträger hinaus, entworfen und angewandt worden ist: Federführend bei dieser Entwicklung waren unter anderem die Frauen- und die Geschlechtergeschichte im Zusammenspiel mit der Neuen Politik- bzw. Kulturgeschichte des Politischen, und auch die Alltagsgeschichte hat ihren Teil dazu beigetragen.

Vor diesem Hintergrund ist im April 2025 der Themenband „Frauen als politisch Handelnde. Beiträge zur Agency in der Habsburgermonarchie, 1780–1918“ erschienen. Der Band regt dazu an, die Rolle von Frauen im politischen Geschehen differenzierter zu betrachten und Frauen gleichzeitig sichtbar zu machen. Es geht um die vielfältigen Rollen und Handlungsräume von Frauen in verschiedenen historischen und gesellschaftlichen Kontexten, mit einer zeitlichen und räumlichen Konzentration auf die Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert. Dabei wird der Blick nicht nur auf die Haupt- und Residenzstadt Wien gerichtet, sondern auf eine Vielzahl von Kronländern.

„Handlungsmacht zu untersuchen bedeutet, die Fähigkeit von Individuen oder Gruppen zu beleuchten in soziale Prozesse einzugreifen und diese zu gestalten. Analytisch ist der Einfluss von Wechselwirkungen zwischen individuellen und kollektiven Handlungsstrategien zu beachten. Um der Komplexität individueller Erfahrungen Rechnung zu tragen, ist demnach eine Vielzahl von Faktoren zu berücksichtigen, die Handlungsfähigkeit durch das Zusammenwirken von Geschlecht, sozialer und ethnischer Herkunft, Religionszugehörigkeit etc. begünstigen.“[1]

Die Beiträge richten den Blick sowohl auf die politischen Strategien von Aktivistinnen (z. B. Kampf um das Frauen-Wahlrecht) als auch auf die lange als „unpolitisch“ geltenden Aktivitäten von Frauen als politische Ausdrucksformen. Dies geschieht durch den Ansatz der „Sichtbarmachung“, ein zentrales Anliegen der Frauen- und Geschlechtergeschichte, der die vielfältigen Beiträge von Frauen zu gesellschaftlichen Prozessen hervorhebt. Der Bogen reicht dabei etwa vom Konsularsdienst, von Übersetzerinnen, Protagonistinnen des Natur- und Umweltschutzes über oberösterreichische Pilgerinnen und Akteurinnen im Wissenschaftsbereich bis zu Tabakarbeiterinnen in Sarajewo.

Jonathan Singerton beleuchtet die vielfältigen Handlungsräume von Maria von Born, die in ihrem Leben zahlreiche Grenzen überschritt, sowohl räumliche als auch gesellschaftliche.

Sven Mörsdorf untersucht das Leben von Teresina Lippich, der Ehefrau eines k. u. k. Generalkonsuls, die ohne eigenes Amt eine wichtige Rolle als Diplomatin spielte.

Barbara Haider-Wilson rückt oberösterreichische Katholikinnen in den Fokus, die sich 1904 und 1910 einer Volkswallfahrt ins „Heilige Land“ anschlossen und als „friedliche Kreuzfahrerinnen“ Teil eines europäischen Wettbewerbs um Jerusalem wurden.

Waltraud Schütz richtet den Blick auf die Anfangsjahre der in der Zeit der Napoleonischen Kriege gegründeten Gesellschaft adeliger Frauen zur Förderung des Guten und Nützlichen, deren Fürsorge- und Bildungs-Interventionen schon bald als unzulässiges Eindringen in die öffentliche Verwaltung angesehen wurden.

Dóra Fedeles-Czeferner analysiert demgegenüber die Entstehung und Zusammenarbeit der wichtigsten bürgerlich-liberalen Frauenvereine in Österreich-Ungarn mit Aktivistinnen wie Auguste Fickert, Rosika Schwimmer und Vilma Glücklich.

Heidrun Zettelbauer lotet die Handlungsfelder der deutschnationalen Aktivistinnen Emma Rößler und Karoline Kreuter-Gallé aus, die in einem völkischen Milieu tätig waren, das Frauen in enge Rollenbilder innerhalb der Familie verortete.

Für den Bereich der Wissenschaften widerlegen Sandra Klos, Ottilie Manegold und Johannes Mattes u. a. den Mythos des männlichen Wissenschaftlers als Einzelgänger – oft standen ihm Ehefrauen und Töchter zur Seite.

Julia Kölbl zeigt die Übersetzungstätigkeiten von Aktivistinnen der österreichischen bürgerlich-radikalen und sozialdemokratischen Frauenbewegungen um 1900, die Texte in den Fokus rückten, die eine Vorbildwirkung für andere Frauen haben sollten.

Mit dem Natur- und Tierschutz, darunter der stark von Frauen besetzte Vogelschutz, beleuchtet Katharina Scharf einen aktivistischen Raum für Frauen, der bislang kaum einmal im Forschungsfokus gestanden ist.

Dass der Weg vom späten Vereinswesen zur parteipolitischen Partizipation kein besonders langer mehr war, zeigt Irena Selišnik für die historische Region Krain mit ihrer Hauptstadt Laibach bzw. Ljubljana.

Angelique Leszczawski-Schwerk stellt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt: die polnische Frauenrechtlerin Maria Dulębianka, die 1908 für den galizischen Landtag kandidierte.

Rachel Trode rekonstruiert die Unruhen im Mai 1906, als Tabakarbeiter:innen in Sarajevo in den Streik traten, und analysiert, wie Frauen versuchten, ihre eigenen Forderungen unabhängig von den männlichen Arbeitern durchzusetzen.

Drei verbindende Elemente der Beiträge lassen sich ausmachen: Sie sind geografisch nicht auf Wien beschränkt, sondern befassen sich mit vielen Regionen der Monarchie. Nahezu in jedem Beitrag werden internationale, grenzüberschreitende Dimensionen aufgezeigt. Nicht zuletzt zeigt sich die zentrale Bedeutung des Vereinswesens für die Thematik des Bandes.

Warum wurde der Zeitraum von 1780 bis 1918 gewählt? Das lange 19. Jahrhundert ist die Zeit der Entstehung von Freizeitkultur, des Vereinswesens und dem Ausloten von Bildungsmöglichkeiten und gleichzeitig ist es die Epoche, in der stereotype Geschlechtervorstellungen mit dem Körper bzw. Körperbau verknüpft wurden. Das erschwerte es speziell Frauen, aber auch anderen Gruppen erheblich, an Entscheidungsprozessen teilzuhaben. Heute geht man von einem Spektrum an Identitäten aus, historisch gesehen wurden Frauen und Männer oft in binären Kategorien betrachtet, die stereotype Vorstellungen über ihre Rollen und Eigenschaften festlegten. Frauen wurden mit der Natur assoziiert, was sich in der Wahrnehmung ihrer emotionalen und fürsorglichen Eigenschaften widerspiegeln würde. Männer sah man eher als Vertreter von Kultur und Rationalität. Das hat dazu beigetragen, dass ihre dominierenden Positionen – auch in der Politik – als legitim angesehen wurden. Solche Vorstellungen halten sich hartnäckig. Frauen mussten daher Strategien anwenden, um geschlechterspezifische Vorstellungen zu navigieren. Eine häufige Strategie bestand darin, das eigene Wirken zu verbergen oder kleinzumachen, um diesen Vorstellungen zu entsprechen und sie gleichzeitig zu überwinden.

Anhand von zwei Abbildungen lassen sich Herausforderungen der Forschung über politisches Handeln von Frauen verdeutlichen:

Abbildung 1  Elf Pilgerinnen und Pilger aus Lambach mit der Lambacher Pilgerfahne 1910, aus: Pesendorfer, Friedrich: Auf des Welterlösers Pfaden. Gedenkbuch an den dritten oberösterr. Pilgerzug ins Heilige Land April 1910, Linz a. D. 1910 (Österreichische Nationalbibliothek).

Die hier abgebildeten Frauen, 11 Pilgerinnen und Pilger aus Lambach, Oberösterreich aus dem Beitrag von Barbara Haider-Wilson hätten sich vermutlich selbst nicht als Aktivistinnen bezeichnet. Wird Handlungsmacht lediglich in Bezug auf Taten demonstriert, die mit dem Fortschrittsnarrativ in Einklang stehen, so würden sie nicht thematisiert, da ihre Teilhabe im katholischen Verband schwer mit diesem Narrativ vereinbar ist. In der frauen- und geschlechterhistorischen Forschung geht es darum, solche Narrative infrage zu stellen und die Möglichkeiten und Grenzen von Handlungsmacht aufzuzeigen.

Abbildung 2 Illustration of Karoline Princess Lobkowitz. Wienbibliothek, Sign. B-55987.

Im Beitrag von Waltraud Schütz werden Schwierigkeiten der Quellenlage und das Zusammenwirken von Differenzkategorien deutlich: Karoline Fürstin Lobkowitz gründete mit Unterstützung des Sekretärs des Hoftheaters, Joseph Sonnleithner, und ihrem Bruder, Fürst Schwarzenberg, den ersten Frauenverein der Habsburgermonarchie. Dieser Verein sammelte während der Napoleonischen Kriege erhebliche Spendensummen. Die Möglichkeit, diese Aktivitäten sichtbar zu machen, ist eng mit der Quellenlage verknüpft: Es ist schwieriger, über Menschen aus ärmlichen Verhältnissen zu berichten als über wohlhabende Gesellschaftsschichten, da letztere oft die Bedeutung ihrer Geschichte erkennen und mehr Dokumente aufbewahren. Bei Frauen ist diese Überlegung jedoch nur bedingt zutreffend, da von Karoline Fürstin Lobkowitz kaum Schriftstücke erhalten sind. Frauenaufzeichnungen wurden selbst in Adelsarchiven häufig als unwichtig und privat eingestuft, was dazu führte, dass sie entweder gar nicht erst aufbewahrt oder später vernichtet wurden.

Der Themenband „Frauen als politisch Handelnde“ ist 28. Mai im Parlament präsentiert worden. Damit wurde die Brücke hin zum Parlamentarismus des 20. Jahrhunderts und in die Gegenwart geschlagen.


[1] Haider-Wilson, Barbara/Schütz, Waltraud (Hg.): Einleitung: Sie handelten politisch, in: dies. (Hg.), Frauen als politisch Handelnde. Beiträge zur Agency in der Habsburgermonarchie, 1780-1918, Bielefeld 2025, S. 7–19, hier S. 12, basierend auf Howell, Martha: The Problem of Women’s Agency in Late Medieval and Early Modern Europe, in: Sarah Joan Moran/Amanda Pipkin (Hg.), Women and Gender in the Early Modern Low Countries, Berlin 2019, S. 21–31.

Michael Portmann
Michael Portmann

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Portmann (25. Juni 2025). Frauen als politisch Handelnde in der Habsburgermonarchie – Unsichtbares sichtbar machen. Die Habsburgermonarchie. Abgerufen am 11. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/147d3


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