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Porträts als Mittel dynastischer Repräsentation zweier kaiserlicher Witwen

von Michael Pölzl

Dieser Blogbeitrag widmet sich den Porträtsammlungen Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg (1655–1720) und ihrer Schwiegertochter Amalia Wilhelmina von Braunschweig-Lüneburg (1676–1742). Im Fokus stehen Überlegungen zur dynastischen Repräsentation und somit auch der familiären Positionierung dieser kaiserlichen Witwen. Damit bindet sich dieser Beitrag in die, in den letzten Jahren stark forcierten, Forschungen zur habsburgischen Repräsentation ein. Über Porträtsammlungen in der Wiener Hofburg, aber auch anderer habsburgischer Residenzen und Schlösser als Mittel dynastischer Repräsentation in der Frühen Neuzeit gibt es bisher, im Gegensatz zu adeligen Porträtsammlungen der habsburgischen Erblande, kaum Kenntnisse[1]. Ein Grund dafür ist sicherlich die schlechte Quellenlage.[2] Erschwerend kommt hinzu, dass die Porträts oftmals keinen konkreten Räumen zugeordnet werden können und teils nicht mehr im Originalzustand jener Zeit erhalten sind. Zeitgenössische Ansichten der Räume in der Hofburg sind sehr rar und stehen meist in Zusammenhang mit zeremoniellen Anlässen, wie etwa den niederösterreichischen Erbhuldigungen, Hochzeiten und öffentlichen Audienzen. Diese bildlichen Quellen sind kritisch zu hinterfragen, weil derartige Darstellungen oftmals idealisiert waren und immer eine gewisse Bedeutungsperspektive einnehmen. Weiters steht nicht das Interieur wie die Raumschale selbst, sondern die Positionierung der Personen im Vordergrund und die dargestellten Ereignisse können einen längeren Zeitraum zurückliegen oder nur auf Erzählungen bzw. schriftlichen Quellen beruhen.

Einen besonders seltenen Einblick ermöglichen die Nachlassinventare der kaiserlichen Witwen Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg und Amalia Wilhelmina von Braunschweig-Lüneburg.[3] Der Fokus dieses Beitrages liegt bei Eleonora Magdalena, da es bereits Arbeiten über den Nachlass Amalia Wilhelminas in Zusammenhang mit ihrer Klosterresidenz am Rennweg in Wien gibt.[4]

Abbildung 1: Unbekannter Maler, Kaiserin Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg, um 1680.[5]

Im Falle von Amalia Wilhelmina wurden, um die Inventarisierung zu erleichtern, alle „Gegenstände“ aus ihrer Klosterresidenz in die Hofburg verbracht, weshalb die Bilder keinen konkreten Räumen zugeordnet werden können.[6] Nichtsdestotrotz bietet sich hier ein Vergleich der beiden Kollektionen an, um mögliche Kongruenzen und Differenzen aufzuzeigen. Eine Gegenüberstellung mit Porträts in den Raumfolgen der Kaiser und Erzherzöge ist aufgrund fehlender Quellen leider nicht möglich. Aus jüngerer Zeit stammt der noch heute existierende Speisesaal Kronprinz Rudolfs mit seiner Ahnengalerie, die für ihn aus pädagogischen Gründen konzipiert wurde[7].

Was die Hängung der Porträts und ihre Wirkung in den Gemächern der Kaiserinwitwen anbelangt, ist zu berücksichtigen, dass die öffentlichen Räume (Trabanten-/Wartstube, die beiden Antekammern [Vorzimmer] und das Spiegelzimmer), schwarz oder grau, bei Amalia Wilhelmina sogar teils violett und weiß, tapeziert und, wie es der damaligen Zeit entsprach, schlicht möbliert waren. Letzteres war den Erfordernissen bezüglich der unterschiedlichen zeremoniellen Abläufe geschuldet. Möglicherweise hat dies die Wahrnehmung der Bilder sogar verstärkt. In diesen beiden Fällen ist eine Gegenüberstellung mit bildlichen Quellen möglich. Es handelt sich dabei um Darstellungen der Audienzen des sächsischen Gesandten Graf Jakob Heinrich von Flemming (1667–1728) im Jahre 1719 beim Kaiserpaar und den beiden Kaiserinwitwen.[8] Die historischen Ansichten zeigen an den Wänden keinerlei Gemälde oder Porträts. Beim regierenden Kaiserpaar finden sich an den Wänden Tapisserien mit bildlichen Motiven und über den Türen beim Kaiser männliche und bei der Kaiserin weibliche Figuren.[9] Im Falle Eleonora Magdalena und Amalia Wilhelmina waren es dunkel tapezierte Wände ohne jeglichen Bildschmuck.[10] Es handelt sich bei den Darstellungen allerdings um Auftragswerke des sächsischen Hofes, weshalb auch der zeremonielle Ablauf im Vordergrund steht. Zwar geben sie keine realen Räume in der Wiener Hofburg wieder, vermitteln aber durchaus einen gewissen Eindruck des kaiserlichen Interieurs jener Zeit. Im Gegensatz dazu finden sich zahlreiche figurale Darstellungen, darunter wohl auch Porträts, im sogenannten Sommerzimmer, das im Appartement der noch regierenden Kaiserin Eleonora Magdalena lag, wie es auf einer der Abbildungen der Erbhuldigung der niederösterreichischen Stände zu sehen ist.[11] Dass diese Illustration ebenso mit aller Vorsicht in Bezug auf eine naturgetreue Wiedergabe zu genießen ist, wurde bereits angemerkt.

Die Inventare der beiden Kaiserinwitwen zeichnen jedoch ein anderes Bild. Im Falle Eleonora Magdalena hingen in einer ihrer beiden „großen Kammern“, worunter wohl eine der Antekammern zu verstehen ist, Gemälde zweier Kaiserinnen und Kaiser, ihre beiden, am Wiener Hof lebenden Töchter Maria Elisabeth (1680–1741)und Maria Magdalena (1689–1743), portugiesische Königinnen sowie Prinzen und Prinzessinnen aus Portugal, weiters ein Bild eines Kurfürsten von Trier. Leider ist eine Identifizierung der Dargestellten nicht möglich, jedoch ist anzunehmen, dass sich Eleonora Magdalena in ihren Räumen mit Bildern ihres verstorbenen Mannes, ihrer Söhne und deren Ehefrauen sowie einem Selbstporträt umgab. Darstellungen von Habsburger*innen aus früherer Zeit hingen wohl eher nicht an den Wänden, da diese nicht im direkten familiären Kontext zu Eleonora Magdalena standen. Ein Porträt Papst Innozenz XI. (1611–1689), von dem sie für ihre Mildtätigkeit mit goldenen Rosen beschenkt wurde, befand sich an einer Wand der zweiten Retirade, zu der es jedoch strenge Zutrittsbeschränkungen gab. In der kleinen Retirade befand sich ein Porträt einer portugiesischen Königin. Die anderen Bildnisse zeigten Mitglieder ihrer Herkunftsfamilie sowie ihre enge verwandtschaftliche Beziehung zum portugiesischen Königshaus.[12]

Abbildung 2: Rosalba Carriera, Die kaiserliche Witwe Amalia Wilhelmina um 1730.[14]

Die meisten Porträts hingen allerdings nicht an den Wänden, sondern befanden sich in Kästen, da es sich höchstwahrscheinlich – zum Großteil – um wertvoll gerahmte Miniaturen handelte, die möglicherweise zum Teil Eleonora Magdalena als Präsente übergeben worden waren. Es ist vorstellbar, dass die Kaiserin ausgewählten Besucher*innen diese Porträts präsentierte, was deren Bedeutung unterstrich. Weitere Bilder zeigten eine Kaiserin, einen Kurfürsten und Kurfürstin von der Pfalz. Vor allem in den Kästen der guarda roba (Schatzkammer) wurden zahlreiche Porträts aufbewahrt. Exakte Angaben zu den dargestellten Personen sind hier noch weniger möglich. Bei 36 Porträts gibt es keinerlei Hinweise. Das kurpfälzische Haus ist mit 15 Bildern vertreten und es befand sich im gleichen Kasten ein Stammbaum derselben Dynastie, allerdings mit der Einschränkung, dass auch hier keine Namen den Bildern zugeordnet werden können. In einem anderen Kasten wurde jener habsburgische Stammbaum aufbewahrt, der den Söhnen Eleonora Magdalena im Unterricht diente. Hinzu kamen noch Porträts von Kaiser Joseph I. mit einer Erzherzogin, von einem Kaiser und einem Kaiserpaar und eines schwedischen Königpaares.[13]

Eine geringere Anzahl an Porträts, nämlich 51, sind im Inventar Amalia Wilhelmina aufgelistet. Es handelte sich hierbei um Darstellungen ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zur habsburgischen, der bayerischen und sächsischen (königlich polnischen Familie) sowie der Herzogsfamilie von Modena. Im deutlich geringeren Ausmaß als bei Eleonora Magdalena finden sich Porträts ihrer Herkunftsfamilie: Es handelt sich dabei um ihren Vater Johann Friedrich von Braunschweig-Lüneburg (1625–1679), ihre Mutter Benedicta Henriette (1652–1730) von der Pfalz und Ernst August von Braunschweig-Lüneburg (1629–1698). Ein Porträt sticht besonders hervor, da eine Herzogin von Orléans in männlicher Jagdkleidung darauf abgebildet war.[15]

Dank der überlieferten Nachlassinventare kann – was bisher nicht möglich war – klar dargelegt werden, dass in den Räumlichkeiten der beiden kaiserlichen Witwen zahlreiche Porträts zu finden waren. Insgesamt sind 85 Porträts im Inventar Eleonora Magdalena aufgelistet, wovon allerdings nur ein kleiner Teil in den repräsentativen Räumen hing. Trotzdem zeigt sich, dass die kaiserliche Witwe ihre dynastischen Verbindungen und ihre Position in diesem komplexen Geflecht, als Kaiserin, Kaiserinmutter, Kaiserinwitwe, Schwester und Mutter der portugiesischen Königin, Großmutter zahlreicher Prinzessinnen und Prinzen ihrer Herkunftsfamilie darstellte.


[1] Eine Ausnahme: Stefanie Kitzberger, ’ich brauch in keinem zimmer keinen baldachin wär auch sehr lächerlich’. Selbstinszenierung und Repräsentation der Erzherzogin Maria Anna“. In: Eva Kernbauer / Aneta Zahradnik (Hg.): Höfische Porträtkultur. Die Hinterlassenschaft der Erzherzogin Maria Annas (1738–1789). Berlin 2016, S. 48–56.

[2] Auf das Problem fehlender Inventarlisten wies auch Petra Kalousek hin: Dies.: Hofburginterieurs in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In: Hellmut Lorenz / Anna Mader-Kratky (Hg.): Die Wiener Hofburg 1705–1835. Die kaiserliche Residenz vom Barock bis zum Klassizismus. Wien 2016. S. 361–369, hier: S. 368.

[3] AT-OeStA/HHStA UR FUK 1862, Inventar über den Nachlass der Kaiserin Eleonore Magdalena Theresia, Witwe Kaiser Leopolds I., 1720.07.15, in Folge abgekürzt: FUK 1862, Inventar Eleonora Magdalena; Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, 10026, Geh. Kab. Loc. 366/6, Der verwittibt gewesenen Römischen Kayserin Amalia Wilhelmina Majt: Erb- und Verlassenschaft betr.: Anno 1742, Witwe Kaiser Josefs I., in Folge abgekürzt: SHStAD 10026, Geheimes Kabinett Loc. 366/6, Inventar Amalia Wilhelmina.

[4] Maureen Cassidy-Geiger, In der und ausser der Clausur. Kaiserinwitwe Wilhelmina Amalias Appartement im Kloster am Rennweg In: Helga Penz (Hg.): Das Kloster der Kaiserin. 300 Jahre Salesianerinnen in Wien. 2017, S. 43–57, Gernot Mayer: Kloster/Residenz: Ein Ort des Rückzugs, ein Ort der Repräsentation? Zur Ambiguität der Residenz von Kaiserinwitwe Wilhelmina Amalia am Rennweg. In: Helga Penz (Hg.): Das Kloster der Kaiserin. 300 Jahre Salesianerinnen in Wien 2017, S. 165–179, hier: S. 169–172.

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Eleonore_Magdalene_von_Pfalz-Neuburg#/media/Datei:Eleonore_of_Pfalz_Neuburg.jpg.

[6] SHStAD 10026, Geheimes Kabinett Loc. 366/6, Inventar Amalia Wilhelmina, fol.277r–278v.

[7] Werner Telesko, Die Bildausstattung der kaiserlichen Appartements ab 1850, in: Werner Telesko (Hg.), Die Wiener Hofburg 1835–1918. Der Aufbau der Residenz vom Vormärz bis zum Ende des „Kaiserforums“, S. 271–275, hier: 273f.

[8] https://skd-online-collection.skd.museum/Home/Index?page=1&q=Audienz%20des%20Grafen%20von%20Flemming.

[9] Link: https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/1092299; https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/1093837.

[10] Audienz des Grafen von Flemming bei Kaiserinwitwe Eleonora Magdalena 1719 in der Wiener Hofburg (Le Plat, um 1728); Link: https://skd-online-collection.skd.museum/Details/Index/1095242; Audienz des Grafen von Flemming bei Kaiserinwitwe Amalia Wilhelmina 1719 in der Wiener Hofburg (Le Plat, um 1728).

[11] Abbildung der Erbfürschneidertafel im Rahmen der Erbhuldigung der niederösterreichischen Stände. Dieselbe Abbildung wurde für die Festschrifte der Erbhuldigungen von 1705 sowie 1712 verwendet. Johann Andreas d. Ä. Pfeffel (Kupferstecher), Johann Cyriak Hackhofer (Zeichner), Erbhuldigung der niederösterreichischen Stände für Karl VI. am 8. November 1712: Tafel in der Hofburg, 1705, Wien Museum Inv.-Nr. 220372, CC0, Link: (https://sammlung.wienmuseum.at/objekt/5576/).

[12] FUK 1862, Inventar Eleonora Magdalena, pag. 3, 6, 8, 21, 23, 24, 26, 29, 30, 40.

[13] FUK 1862, Inventar Eleonora Magdalena, pag. 86, 90, 102, 146, 156, 176.

[14] https://en.wikipedia.org/wiki/Wilhelmine_Amalie_of_Brunswick#/media/File:Carriera,_Rosalba_-_Empress_Wilhelmine_Amalie,_1730.jpg.

[15] SHStAD 10026, Geheimes Kabinett Loc. 366/6, Inventar Amalia Wilhelmina, fol. 425r-426v.

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Michael Portmann
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Michael Portmann (25. Juli 2023). Porträts als Mittel dynastischer Repräsentation zweier kaiserlicher Witwen. Die Habsburgermonarchie. Abgerufen am 13. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/pewk


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